Kohle soll klimafreundlich werden, sagen zumindest einige Energiekonzerne: Kohlekraftwerke von morgen pumpen das Kohlendioxid (CO2) in den Boden statt in die Luft, so der Plan. Seit einem Jahr befindet sich nun das erste Kraftwerk im Bau. Ob der Plan auf geht, ist umstritten. Woher kommt eigentlich unser Strom? In Deutschland wird der Strom wie in den meisten anderen Ländern größtenteils in Kohlekraftwerken erzeugt. Vor allem bei der Braunkohle ist das ein äußerst schmutziger Prozess: Riesige Bagger wälzen die Landschaft um, in Kraftwerken wird die Kohle dann verbrannt. Dabei entsteht jede Menge Kohlendioxid, das unser Klima aufheizt. Schön ist das nicht. Doch zumindest für das Klima-Problem wollen die Energie-Versorger bald eine Lösung parat haben: Ein hypermodernes Kohlekraftwerk, das die Energiekonzerne überschwänglich auch als "CO2-freies" Kraftwerk bezeichnen.
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So einfach wie hier ersichtlich, ist die CO2-Speicherung leider nicht. Grafik: Vattenfall |
Viel Aufwand Das Verfahren für das Reinigen der Abgase klingt simpel: Anstatt das bei der Verbrennung von Kohle entstehende CO2 zusammen mit den anderen Abgasen wie üblich in die Luft zu blasen, wird das Klima-Gift in den Untergrund gepumpt. In der Praxis ist das Verfahren aber hoch kompliziert. Erstens lässt sich das CO2 nur durch einen energieaufwendigen chemischen Prozess abtrennen, und zweitens ist noch weitgehend unbekannt, wo genau das CO2 gespeichert werden soll. Eines ist dagegen sicher: Das saubere Verfahren wird teuer – ob es funktioniert oder nicht.
Dennoch haben Vattenfall und RWE, zwei der größten Energieversorger in Deutschland, bereits ordentlich in die Technik investiert und schreiten zur Tat: Vattenfall hat schon im vergangenen Jahr mit dem Bau einer Testanlage in der Nähe von Cottbus begonnen. Mit Hilfe des so genannten Oxyfuel-Verfahren soll das hochmoderne Werk blitzsauberen Strom aus Kohle liefern. Das abgetrennte CO2 könnte dort in die Erde gepumpt werden, wo Erdgas lagerte. Das Test-Kraftwerk ist allerdings sehr klein und soll nur eine Leistung von 30 Megawatt erzeugen – das ist fast fünfzigmal weniger die Leistung von gewöhnlichen Kohlekraftwerken. Dafür soll der Bau aber schon im kommenden Jahr abgeschlossen sein. Die Serienreife soll der neue Kraftwerkstyp laut Vattenfall spätestens im Jahr 2020 erreichen.
Klimaschonend oder nicht? Das CO2-freie Kraftwerk von RWE soll es immerhin auf 450 Megawatt bringen; befindet sich aber noch nicht im Bau. Der Konzern plant Baukosten in Höhe von einer Milliarde Euro ein; im Jahr 2014 könnte das Kraftwerk dann fertig sein. Harry Roels, Vorstandsvorsitzender von RWE, sieht in dem Bau des Kraftwerks "einen großen Schritt für eine klimaschonendere und hochmoderne Energieumwandlung".
Umweltschützer sehen das anders: Der Bund für Umwelt und Naturschutz hält wenig von dem Verfahren. Die Umweltschützer verweisen besonders auf die Probleme bei der Speicherung des abgetrennten CO2. Zwar könnte das CO2 in alte Gaslagerstätten gepresst werden, jedoch wären die Lagerstätten schnell aufgefüllt. Bei rund 400 Millionen anfallenden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr, wären die Lagerstätten nach Ansicht der Umweltschützer vom Bund schon nach wenigen Jahren erschöpft. Hinzu kommt das Risiko einer undichten Lagerstätte – etwa nach einem Erdbeben. Dann würde das schädliche Gas doch wieder in die Luft entweichen.
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Alte Kraftwerke wie hier das Werk in Janschwälde werden wohl noch sehr lange ohne die Saubermach-Technik auskommen müssen. Foto: Vattenfall |
Von wegen "CO2-frei" Und selbst wenn es genug Lagerstätten gäbe, wird ein Kohlekraftwerk, bei dem tatsächlich gar kein CO2 in die Luft entwicht, kaum geben. Das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie schätzt in einer Studie, aus den Abgasen der Kraftwerke könnten auch mit ausgefeilter Technik nur maximal 88 Prozent des CO2 entfernt werden.
Und das nur theoretisch. In der Praxis braucht das Kraftwerk für das aufwendige Rein-Waschen der Abgase braucht das Kraftwerk einen Teil der Energie, die es erzeugt, selbst. Dadurch arbeitet es nicht mehr so effektiv wie gewöhnliche Kraftwerke – muss also für die gleiche Menge an Energie mehr Kohle verbrennen. Insgesamt würde man gegenüber einem Gewöhnlichen Kohlkraftwerk sogar nur 68 Prozent der CO2-Gase sparen, so die Experten. Gleichzeitig merken sie an, dass die Bezeichnung "CO2-arm" für den Kraftwerkstyp wohl treffender sei.
Immerhin hat die Reinigungs-Technik für Kohlekraftwerke laut dem Wuppertaler Institut trotz der beschriebenen Probleme Erfolgschancen. Denn auch wenn nur ein zwei Drittel der Menge an CO2 aus den Abgasen der Kohlekraftwerke gefiltert wird ist das besser als nichts und könnte dem Klima langfristig zugute kommen. Denn die Kohle wird noch für einige Zeit ein wichtiger Energieträger bleiben, zumindest wenn es nach RWE geht: "Die dominierende Rolle der Braun- und Steinkohle bei der Stromerzeugung wird aus Gründen der Versorgungssicherheit und der Wettbewerbsfähigkeit noch mehrere Jahrzehnte erhalten bleiben", ist sich Harry Roels sicher.
Für das Image Dabei bleibt zu berücksichtigen, dass die Technik - wenn überhaupt - erst in einigen Jahrzehnten serienreif sein wird. Ob sie in alten Kraftwerken problemlos nachgerüstet werden kann, ist fraglich. Sowohl Vattenfall als auch RWE haben aber bereits heute mehrere neue Riesen-Kraftwerke im Bau – die zumindest in den nächsten 20 Jahren erstmal ohne die Saubermach-Technik laufen werden. Vorerst wird die Kohle also kein klimafreundliches Image haben, auch wenn die Energieversorger wie RWE und Vattenfall es am liebsten jetzt schon hätten.
Klaus Wiesen