Das schmutzige Ölgeschäft
Dienstag, 27. Januar 2009
Die Klimaerwärmung ist nicht das einzige Umweltproblem, was der Energieträger Erdöl verursacht. Bereits die Förderung schädigt Landschaft und Meere. Dabei ließen sich die Schäden deutlich eindämmen, doch die Profitsucht der Ölkonzerne lässt nur selten Rücksicht auf die Umwelt zu. In unserer Reihe: „Die Folgen der Ölförderung“ nennen wir Beispiele, von ökologischen Katastrophen, die durch die Ölförderung verursacht wurden.

Russland ist nach Saudi-Arabien mit rund 470 Megatonnen einer der größten Erdöl-Förderer der Welt. Ein Großteil der Ölreserven liegt in Sibirien. Laut einem Bericht von Greenpeace „sind in Westsibirien rund 840 000 Hektar Land ölverseucht“, was etwa der dreifachen Fläche des Saarlandes entspricht.

Ölpest in der sibirischen Tundra

Die Ölverschmutzung in der Tundra entsteht überwiegend durch schlecht gewartete, brüchige Pipelines. Wie Greenpeace berichtet, treten in der Ölförderregion in Westsibirien jährlich bis zu 5000 Pipeline-Brüche auf. Als Beispiel nennt Greenpeace die 4000 Kilometer lange Druscha-Pipeline nach Leuna in Sachsen-Anhalt, durch die jährlich zwischen 9 und 10 Millionen Tonnen Erdöl befördert werden. Von dem Öl gehe „zwischen 3 bis 7 Prozent verloren. Bezogen auf die Importmenge von des Ölkonzerns TotalFinaElf entspreche der Verlust jährlich rund 300 000 bis 700 000 Tonnen Erdöl“, lässt sich dem Bericht von Greenpeace entnehmen.

In der Trade & Environment Database wird die Pipelinekatastrophe des Ölkonzerns Komineft in der Nähe der Stadt Usinsk von 1994 als eine der schwerwiegendsten Umweltkatastrophen der 90er Jahre und als der drittgrößten Ölunfall in der Geschichte bezeichnet. Dabei flossen durch ein Pipeline-Leck rund 100 000 Tonnen Öl in die sibirische Tundra - mehr als doppelt soviel, wie beim Tankerunglück der Exxon Valdez auslief. Das Öl erreichte den Fluss Kolva und wurde von dort ins Meer getragen. Insgesamt gehen durch brüchige Pipelines bis zu 20 Prozent des geförderten Öls in Russland verloren

Ölsandförderung in Kanada

Riesige Krater hinterlässt der Ölsandabbau
Inzwischen sind auch Ölsande wirtschaftlich förderbar. Allerdings nur, wenn man die ökologischen Kosten nicht mit einbezieht. Denn die Umweltschäden durch die Ölsand-Förderung sind deutlich weit reichender als bei der Förderung von Erdöl. Ölsande setzten sich zu 83 Prozent aus Sand, zu 13 Prozent aus Bitumen und zu vier Prozent aus Wasser zusammen. Um aus Ölsand synthetisches Rohöl zu erzeugen, muss das Bitumen vom Sand getrennt werden. Hierzu wird sehr viel Wasser benötigt: In Alberta verbraucht die Ölindustrie heute rund ein Drittel des Oberflächenwassers. Bis 2012 werden durch die Förderung von Ölsanden rund 3 Gigakubikmeter Frischwasser benötigt. Das Wasser muss auf Temperaturen von mindestens 35 Grad, bei älteren Verfahren auf 80 Grad erhitzt werden, was viel Energiekostet. Ölsandvorkommen in Tiefen von 50 – 70 m werden im in-situ Verfahren gefördert. In diesem Verfahren pumpt man durch Bohrungen heißen Wasserdampf in die Ölsand-Schicht, um das Bitumen fließfähig zu machen, so dass es sich an die Oberfläche pumpen lässt.

Der Energiebedarf wird momentan hauptsächlich über Erdgas gedeckt, wobei bis zu 300 Kubikmeter Erdgas notwendig sind, um eine Tonne Bitumen zu gewinnen. Aufgrund der steigenden Fördermengen wird aber auch immer mehr auf Kohle zurückgegriffen, was den hohen CO2-Ausstoß der Umwandlung weiter steigert. Heute ist die Ölsand-Industrie bereits der größte CO2-Emittent in Kanada und bläst drei- bis fünfmal mehr CO2 als die konventionelle Erdölindustrie in die Luft.
 
Ein weiteres ökologisches Problem ist die Landschaftszerstörung, da die Ölsande überwiegend im Tagebau gefördert werden: Für jede gewonnene Tonne Bitumen schaufeln die riesigen Bagger rund 12 Tonnen Ölsand aus dem Tagebau. Das Abbaugebiet liegt in den Urwäldern Albertas. Eine Rekultivierung der Tagebau-Flächen ist mit sehr hohen Kosten verbunden, zudem ist nicht gesichert, dass sich die ursprüngliche Flora und Fauna wiederherstellen lässt. Bisher sind entgegen den Versprechen der Ölfirmen kaum Rekultivierungsmaßnahmen angelaufen.
 
Zerstörung des Regenwaldes in Ecuador

In Ecuador werden jährlich etwa 28 Megatonnen Rohöl gefördert. Das Hauptfördergebiet liegt im Oriente, ein ökologisch wertvolles Regenwaldgebiet mit der höchsten Pflanzen- und Artenvielfalt der Welt. Dort hat die Förderung bisher weit reichende ökologische Schäden hinterlassen.

Laut den Beschuldigungen der Indianer sind die Ölverschmutzungen größtenteils dem Ölkonzern Texaco zuzuschreiben sind, der zwischen 1971 und 1992 Erdöl in Ecuador förderte. Dabei wurden rund 70 Milliarden Liter ölverseuchtes Abwasser in Gruben, Seen oder Flüssen entsorgt. Inzwischen wurde Texaco von den Einwohnern auf Schadensersatz verklagt; die Summe beläuft sich auf bis zu fünf Milliarden US-Dollar.

Allerdings wehrt sich der Konzern gegen die Vorwürfe und verweist darauf, dass Petroecuador für die Schäden verantwortlich sei. Petroecuador fördert als staatliches Ölkonzern und hat 1992 das Ölgeschäft vollständig übernommen. Von 1990 bis 2004 soll Petroecuador laut den Vorwürfen von Texaco für 801 Ölunfälle verantwortlich sein, bei denen insgesamt mehr als sieben Millionen Liter Öl ausgetreten sind. 

Achtlos werden giftige Bohrabwässer in Seen
deponiert
. Foto: Texaco
Dabei fallen in den ehemaligen Texaco-Förderstationen täglich etwa 170 000 Barrel Formationswässer mit Ölfilm an. So enstehen etwa 4000 Liter Rohöl, die in Bäche oder Flüsse gelangen. Es darf bezweifelt werden, dass Texaco das Werk bis 1990 mit Aufbereitungsanlagen ausgestattet hatte, um das Öl aus dem Abwasser zu filtern. Texaco verweist bezüglich der möglichen Verschmutzungen in dem Förderzeitraum bis 1990 darauf, dass seitens des Konzerns bereits 40 Millionen Dollar für Säuberungsarbeiten bezahlt wurde. Bis heute wurde bezüglich des Rechtsstreits zwischen den Siedlern und Texaco noch kein Urteil gefällt .

Die ökologischen Auswirkungen durch Förderung und Transport des Erdöls beschränken sich jedoch nicht nur auf die direkte Ölverschmutzung von Boden und Gewässern. Noch stärker als durch Ölverschmutzung sind Flora und Fauna durch für die Ölindustrie notwendige Infrastruktur und die damit verbundene Rodung des Regenwaldes bedroht, zumal der Regenwald durch die von der Ölindustrie angelegte Infrastruktur für die Bevölkerung zugänglich gemacht wird. Pro Jahr werden durch die Siedler rund 340 000 Hektar Wald gerodet. Seit 1972, dem Beginn der Förderung, haben Siedler in der Tieflandregion Ecuadors über eine Million Hektar Regenwald in Besitz genommen.

Verschmutzung des Nigerdeltas in Nigeria

Nigeria hat als Mitglied der OPEC einen entscheidenden Anteil an der weltweiten Erdölproduktion. Über 90 Prozent der Export-Einahmen erwirtschaftet das Land durch die Förderung von Erdöl. Insgesamt exportiert Nigeria rund zwölf Millionen Barrel pro Tag. Größter Ölförderer in Nigeria ist Shell. Der Konzern hat einen Anteil von rund 60 Prozent an dem in Nigeria geförderten Erdöl. Ein Großteil der Ölförderstätten befindet sich im Nigerdelta.

Das Ogoni-Volk, das in den Gebieten in und um das Nigerdelta heimisch ist, beschuldigt Shell, der Ölkonzern habe durch die Ölförderung den Regenwald in den nördlichen Gebieten sowie die südlichen Mangrovenwälder um das Delta stark geschädigt. Auch Umweltschutzverbände wie Greenpeace bemängeln insbesondere die enormen Verschmutzungen im Gebiet des Nigerdeltas. Nach einem Bericht in der Trade & Enviroment Datenbank entstanden etwa 40 Prozent zwischen 1970 und 1982 aller Ölunfälle von Shell in nigerianischen Ölfördergebieten. Zwischen 1982 und 1992 traten bei 27 Unfällen über sechs Millionen Liter Öl aus. Die Zustände machen deutlich, dass Shells entsprechenden Sicherheits- und Umweltmaßnahmen in Nigeria völlig unzureichend sind.

Dabei beschränken sich die Folgen der rücksichtslosen Ölförderung nicht nur auf die Umwelt: Die Ölverschmutzung in Nigeria sowie in vielen anderen Entwicklungsländern in denen Öl gefördert wird, hat auch soziale Probleme zur Folge. In Nigeria ist hier besonders der Aufstand der Ogoni im Jahr 1993 zu nennen. Die Ogoni demonstrierte gegen die rücksichtslose Ölförderung und die Zerstörung ihres Heimatgebietes durch den Ölkonzern Shell. Nachdem Shell wegen drohender Verluste im Ölgeschäft Druck auf die nigerianische Regierung ausgeübt hatte, wurde der Aufstand von Regierungstruppen niedergeschlagen, was hunderte Todesopfer zur Folge hatte. Klaus Wiesen